Nochmals "Messias"

Händels Geniestreich mit dem Bach-Chor im Casino


Händels "Messias" und Bachs "Weihnachtsoratorium" sind die Renner der diesjährigen Adventskonzerte in der Region: An der Spitze steht aber unzweifelhaft Händels Meisterwurf, der innerhalb eines Monats fünfmal die grössten Räume Berns zu füllen vermochte.

Die zwei bisherigen Aufführungen des Bach-Chors - die dritte und letzte findet am 26. Dezember um 16 Uhr im Kultur Casino Bern statt - besassen bemerkenswertes Format und zeigten einerseits die Vorzüge des hundertzwanzigköpfigen Vokalensembles in Klang, Wortdeutlichkeit und Gestaltungsintensität, anderseits aber auch das staunenswert ausgeweitete Ausdruckspotenzial des Dirigenten Theo Loosli. In der Tat hat Loosli seine Händel-Interpretation um viele bewegend verinnerlichte, zu sensiblen Pianowirkungen verdichtete Dimensionen verstärkt: Sein "Messias" wirkt nun als meisterlich durchnuancierte Händel-Ehrung von hohem Format.

Den überwältigend durchdifferenzierten und seelisch inspirierten Leistungen der Sängerinnen und Sänger entsprachen erfreulicherweise die instrumentalen Interventionen der von Konzertmeister Joan Gramatic angeführten Sinfonietta Bern, der die Organistin Ursula Heim, der Cembalist Hans-Jürg Bärtig und der Trompeter Gérald Kottisch solistische Glanzlichter aufsetzten.

Vier exzellente Vokalsolisten Noëmi Nadelmann - zweifellos die besondere Attraktion der Wiedergaben - lieh ihren Arien die Schönheit ihres Qualitätssoprans, ihre gesangstechnische Souveränität und ihr ständig reifendes Ausdrucksvermögen. Ganz nahe kamen ihr Roswitha Müller mit ihrem warmen, noblen und vorbildlich ausgewogenen Alt und Markus Volpert mit seinem apart timbrierten, klar akzentuierenden und zu ausstrahlungskräftiger Dramatik befähigten Bass. Einzig der Tenor Bernhard Gärtner schien nicht optimal disponiert zu sein und musste bisweilen zu gefährlichen Forcierungen Zuflucht nehmen.

24.12.2002 - Der Bund, tt



Späte Wiedergutmachung [nach oben]

Der Berner Bach-Chor setzte sich für Max Bruchs Oratoirum "Moses" ein


Es ist schon so: Der Romantiker Max Bruch (1838 - 1920) ist eigentlich nur mit seinem Violinkonzert in g-Moll in die Musikgeschichte eingegangen. Dass er daneben auch noch Sinfonien, Kammermusik, Lieder und grosse Chorwerke komponiert hat, ist in Vergessenheit geraten. Ob zu Recht oder zu Unrecht - das musste die Probe aufs Exempel ergeben.

Qualitäten des Werks

Der Initiative von Theo Loosli ist es zu verdanken, dass das 1894 entstandene biblische Oratorium "Moses" erneut zur Diskussion gestellt wurde. Dabei konnte entdeckt werden, dass das knapp zweistündige Werk auf einer effektvoll dramatischen Handlung -dem Gang der Israeliten durch die Wüste, dem Tanz um das goldene Kalb und dem Tod des Anführers Moses - fusst, staunenswert viel gute Musik (besonders in den Chorsätzen) enthält und durchaus eine Wiedergutmachung verdient.

Unüberhörbare Schwächen
Woran liegt es dann, dass dieser "Moses" aus den Konzertsälen verschwunden ist? Zunächst wohl an Bruchs recht ausufernder, sich häufig in hymnische Visionen verlierender Langatmigkeit, kaum minder aber auch an Ludwig Spittas pathetisch-süsslichem Text, der, dem Zeitgeist entsprechend, nicht selten die Bezirke des Kitsches streift. Und dennoch: Bruchs "Moses" verdiente es, 108 Jahre nach seiner Entstehung einstudiert und einem (leider wenig zahlreichen) Publikum präsentiert zu werden.

Theo Looslis Einsatz
Wenn der "Moses" bei allen möglichen Einwänden doch tiefe Eindrücke auslöste, lag das nicht zuletzt an der Wiedergabe, die den Dirigenten Theo Loosli im Vollbesitz seiner Fähigkeiten erleben liess. Wie er seinen makellos singenden Chor zu differenziertem, vitalem und expressivem Gestalten animierte, wie er das vorbildlich einsatzfreudige Berner Symphonie-Orchester (mit dem "Gast" Hans Gafner an der Orgel) seiner Deutung dienstbar machte und wie er schliesslich die nicht wegzudiskutierenden Mängel von Partitur und Libretto durch musikantischen Enthusiasmus zu überdecken verstand - das war ohne Zweifel eine der reifsten Leistungen des vielseitigen Künstlers.

Und das Solistenterzett?
Leider vermochte das Solistenterzett das Niveau von Chor und Orchester nicht zu halten. Zwar imponierte der Moses-Darsteller Hans-Peter Scheidegger durch voluminöse Stimmkraft. Aber musste er wirklich alle seine Partien im Forte und im Fortissimo singen und dabei auf nuancierte Klangfarben so konsequent verzichten? Für Niclas Oettermann - die Bieler Opernfreunde kennen ihn als vorzüglichen Verdi- und Puccini-Tenor - bedeutete der Aaron eine gefährliche Herausforderung, musste er doch sein schönes lyrisches Material allzu oft in heldische Bereiche hinein forcieren.

Probleme ergaben sich auch bei Jaroslavna Goloanovas Nachvollzug der Engel-Soli. In der Mittellage und bei unverkrampftem Einsatz des apart timbrierten Soprans überzeugte sie in hohem Masse - bei den häufig geforderten Aufschwüngen dagegen störten das Zutiefsingen, das überstarke Vibrato und arge Tonverfärbungen denn doch sehr empflindlich.

Das Experiment mit "Moses" hat sich trotzdem gelohnt - und die Nicht-Neugierigen haben ein künstlerisches Ereignis verpasst!

25.11.2002 - Der Bund, tt