Wundersame Wandlung
Bekehrt sich ein Saulus zum Paulus, dann haftet dem geflügelten Wort zumindest eine Spur von Misstrauen an. Die Verkörperung des Mendelssohnschen Paulus in der Person von Rudolf Rosen hingegen zerstreute jeden Zweifel: Hier weiss ein begabter Sänger das dramatische Potenzial seiner Stimme eloquent zu nutzen.
Der Bariton gestaltete ganz aus dem Wort heraus und benutzte jede Silbe, um seine emotionale Botschaft zu transportieren. Die versierte Gestaltung dieser Raum füllenden Stimme beeindruckte.
Auch der Berner Bach-Chor lebte die verschiedenen Rollen, die ihm das Oratorium auferlegte. Dirigent Theo Loosli hielt die Choräle schlicht und liess aus den betrachtenden Abschnitten distanzierte Klarheit sprechen. Umso stärker leuchtete der mächtige Chorklang in den Preisgesängen. Die dramatisierenden Kräfte im sphärisch die Stimme Jesu verkündenden Frauenchor, wurden klangmalerisch von der Orgel gestützt.
21.12.2004 - Der Bund, bes
Noëmi Nadelmanns Leuchtkraft [nach oben]
Benefizveranstaltung des Berner Bach-Chors
Zwei Konzerte im ausverkauften Berner Münster - beide Male als Benefizveranstaltung für das SOS-Kinderdorf etikettiert: Das grösste private Kinderhilfswerk der Welt kann den Ausführenden für die sicher sehr substanziellen finanziellen Zuwendungen dankbar sein. Und die Musikfreunde können gleichermassen dankbar sein für zwei Abende mit qualitativ hochstehenden Wiedergaben dreier Werke von Johann Sebastian Bach und von Wolfgang Amadeus Mozart.
Mit zwei Bach-Kantaten - der Komposition für Doppelchor «Nun ist das Heil und die Kraft» und der Solosopran-Kantate «Jauchzet Gott in allen Landen» - wurde das Konzert eröffnet. Unter der souveränen Leitung von Theo Loosli und untadelig gestützt von der Instrumentalistenschar der Sinfonietta Bern sang der Berner Bach-Chor das Auftaktswerk sicher, klangschön und gestaltungsintensiv. Die Solo-Kantate besass in der beliebten Zürcher Sopranistin eine effektsicher und nuancenreich singende Interpretin, die allerdings erst bei Mozart die volle Höhe ihres Könnens erreichte.
Mozarts grosse Messe
Im Zentrum der Aufmerksamkeit stand die Wiedergabe von Mozarts Grosser Messe in c-Moll. Hier fand die vorzüglich disponierte Chorgemeinschaft zu jener Qualität, die ihr internationale Beachtung eingebracht hat; hier verschmolzen die verschiedenen Stimmregister zu harmonischer Gesamtwirkung und hier wurde - nicht zuletzt in den meisterlich gedeuteten Pianostellen - Mozart mustergültig gedient. Theo Loosli, der den Chor beispielhaft vorbereitet hatte, gelang es, zwischen den vokalen und den instrumentalen Kräften das nicht leicht herzustellende Gleichgewicht zu erzielen: Bach-Chor und Sinfonietta Bern waren eine Stunde lang eines Sinnes in Pointierung, Phrasierung und inspirierter seelischer Einstimmung. Darüber hinaus schien Theo Loosli weiter auf dem Weg zu gereifter, verinnerlichter Deutungsweise voranzuschreiten und entschlossen Ausdruckstiefen auszuloten, die bisher in dieser Expressivität oft nur angedeutet worden waren.
Eine positive Überraschung bot die slowenische Mezzosopranistin Mojca Vederniak, die ihre Aufgaben ausgeglichen und tonlich kultiviert betreute. Die nur am Rande beschäftigten Männerstimmen fanden im unforciert eingesetzten Tenor Julius Nötzli und im sonor die Bass-Interventionen verwaltenden Sylvain Muster bemerkenswert stilsichere Gestalter. Bei Mozart nun war Noëmi Nadelmann ganz in ihrem Element. Sie verzichtete konsequent auf alle Opern-Äusserlichkeit und drang auf überaus eindrückliche Weise in die Ausdruckskraft des Messetextes und seiner magistralen Vertonung vor. Dabei verbanden sich die Leuchtkraft und die Schönheit ihrer flexiblen Stimme mit ihrer Befähigung zu sensibler Differenzierung zu beglückender, ja zu begeisternder Einheit.
17.09.2004 - Der Bund, tt
Zwei unterschiedliche Leidenswege [nach oben]
Bach in Bern: Die Johannespassion im Münster zeigte ihn kühl, die Matthäuspassion in der Französischen Kirche barock.
Verhaftung, Folter, Hinrichtung - weltweit alltägliche Vorgänge, der im Falle von Jesus Christus als «Passion» bezeichnet werden. Alle vier Evangelisten berichten im Neuen Testament von diesem Leidensweg, aber jeder gewichtet anders. Matthäus konzentriert sich auf den Menschen Christus, bei Lukas steht der Opfertod im Mittelpunkt, Markus betont die Auferstehung und Johannes die Himmelfahrt. Johann Sebastian Bach hat alle vier Erzählungen vertont. Zwei der Kompositionen sind verschollen, erhalten sind die Johannes- und die Matthäus-Passion.
Kühl seziert
Der Berner Kammerchor und die Cappella Istropolitana aus Bratislava gaben die Johannes-Passion im Münster. Clemens Löschmann als Evangelist und Marc-Olivier Oetterli als Jesus begeisterten mit stimmlicher Souveränität und einer selten glasklaren Diktion; besonders die Rezitative wurden so zum Genuss. Weitere Solisten waren Iris Eggler, Renate Kaschmieder und Samuel Zünd. Das Orchester verfügt über kammermusikalische Qualitäten, doch wurde es vom Dirigenten Jörg Ewald Dähler stark zurückgebunden. Auch der Chor durfte eine schmal abgesteckte dynamische Bandbreite nicht verlassen. Leider gehört die Textverständlichkeit nicht zu seinen Stärken. Das ist schade bei einem so textlastigen Werk und erstaunlich bei einer konzertanten Aufführung ohne szenische Bewegung.
Als Ganzes wirkte die Produktion im Münster kühl, durchdacht, beherrscht. Eine legitime Deutung: Bach wird verstanden als analytischer Mathematiker. Ganz anders in der Französischen Kirche: Da wird Bach zum barocken Vollblut, Protestantismus hin oder her. Überhaupt ist es so eine Sache mit den oratorischen Passionen und den Konfessionen. Sie passen weder zur reformierten Abneigung gegen Musiktheater noch in die Karwoche als Höhepunkt der katholischen Fastenzeit. Und sie sind ein Mittelding zwischen Kirchenmusik und Kunstmusik. Doch meistens in der Kunst sind solche Grenzgänger die interessantesten Werke.
Heiss empfunden
Der Berner Bach-Chor, der Berner Kinderchor und das Orchestre Symphonique Neuchâtelois spielen die deutlich längere und anspruchsvollere Matthäus-Passion in der Französischen Kirche. Die Aufführung besticht weniger durch herausragende Einzelleistungen, als vielmehr durch ein hohes Niveau im ganzen Ensemble; da besteht deutlich hörbar ein gutes Einvernehmen zwischen Chor, Orchester und den Solisten Brigitte Hool, Claude Eichenberger, Matthias Aeberhard, Sylvain Muster und René Perler. Der Dirigent Theo Loosli hat den Mut zur Dramatik - und das Publikum dankt es ihm. Wunderbar etwa die chorische Gestaltung der Stelle «Eröffne den feurigen Abgrund, o Hölle». Da wirken die Schauder direkt auf den Bauch, ohne Umweg über das Gehirn.
Erstaunlich modern
Eine dritte Version des Leidenswegs läuft zur Zeit im Kino. Im direkten Vergleich mit Mel Gibsons «The Passion of the Christ» wirken Bachs Oratorien nicht nur eindrücklicher, sondern - erstaunlicherweise - auch bedeutend moderner. Sie erfüllen sogar Kriterien, die an das postdramatische Theater gestellt werden: Der Text ist nicht fix auf die Darstellenden verteilt, je nach Bedarf schlüpfen die Soli und der Chor in verschiedene Rollen. Die lineare Dramaturgie wird immer wieder durch assoziative Elemente unterbrochen. Und auf der Bühne findet kein Dialog, sondern ein Diskurs statt. Alles Elemente des zeitgenössischen Theaters. Demgegenüber bleibt der Film einem spätbürgerlichen Pseudorealismus verhaftet.
10.04.2004 - BZ-Kultur, Frank Gerber
Un moment d'exception au temple du Bas [nach oben]
«Golgotha». L'OSN en parfaite symbiose avec l'oeuvre de Frank Martin
Il est des concerts où, dès le premier accord, nous savons que nous allons vivre un moment d'exception. Ainsi en fut-il jeudi au temple du Bas, avec l'oratorio "Golgotha", de Frank Martin, donné par l'Orchestre symphonique neuchâtelois (OSN), tant l'excellente énergie des musiciens fut immédiatement perceptible, au service d'une oeuvre d'une rare intensité avec laquelle elle entrait en résonance, voire en symbiose. Theo Loosli montre ainsi une fois de plus son affinité profonde avec la musique de notre compatriote Frank Martin. Le public, malheureusement par trop clairsemé, pouvait y apprécier aux côtés de l'OSN l'excellent Choeur Bach de Berne, et de très bons solistes entourant Philippe Huttenlocher dans le rôle du Christ: Bénédicte Tauran, soprano, Mojca Vedernjak, contralto, Jan-Martin Mächler, ténor, Claude Darbellay, baryton.
L'oeuvre narre la Passion du Christ en suivant minutieusement les quatre Evangiles. Comme dans les Passions de Bach, la narration est entrecoupée de méditations, par les solistes ou le choeur, ici tirées essentiellement de saint Augustin. Par contre, le récit est distribué entre les différents solistes, voire le choeur, saisissant, pour raconter le jugement où l'agonie.
La musique s'inspire d'une eau-forte de Rembrandt sur la crucifixion, dont elle rend le climat particulièrement sombre. Elle est ainsi animée d'une grande force, le caractère dramatique étant rendu par une singulière économie de moyens. Si le récit s'arrête à la mort sur la croix, la Résurrection est préfigurée à travers l'"Exultet de la nuit pascale" à laquelle fait écho encore une fois saint Augstin dans un choeur final rempli de lumière. Celui-ci contraste avec l'ouverture dans un sombre contrepoint où le choeur déploie de belles voix unifiées et expressives.
L'orchestre trouve de riches couleurs, alternant puissance et finesse, rendant justice aux harmonies transportantes de cette Passion. On voit un Theo Loosli au sommet de ses moyens, transmettant les impulsions nécessaires à chaque groupe d'instruments avec le caractère de fatalité calme inhérent au sujet. Philippe Huttenlocher acquiert une hiératisme dans son rôle de messie qui augmente encore son charisme habituel et ses qualités vocales. Il est tout aussi convaincant dans l'expression de ses doutes au Jardin des oliviers que dans ses imprécations aux pharisiens ou ses fameuses paroles d'acceptation sur la croix.
Tous les solistes ont une présence dramatique magnifique alliée à de fort beaux timbres. Parmi eux, se distingue la voix exceptionnelle de rondeur, de puissance et de ligne modulée, de Bénédicte Tauran. Un très grand concert.
März 2004 - L'Express, ATR
Augustinus' Geist [nach oben]
Der Berner Bach-Chor mit Frank Martins "GOLGOTHA"
Zwischen den Zwanziger- und den Sechzigerjahren ist die Schweiz musikgeschichtlich ins Zentrum gerückt. In der Form des geistlichen Oratoriums kamen gewichtige Beiträge aus dem Schweizer Protestantismus. Sie reichen von Honegger über Beck, Burkhard und Kelterborn bis hin zu Klaus Huber. Eine tiefe religiöse Verwurzelung und eine ebenso breite Chortradition trugen zu dieser Entwicklung bei.
Dieses Bewusstsein scheint im aktuellen Chorleben oft nicht mehr präsent zu sein. Frank Martins 1945 bis 1948 entstandenes Oratorium "Golgotha" ist ein Beispiel für den eigenwilligen und faszinierenden Weg, der in den Formen zwischen Passion und geistlicher Meditation zur Leidensgeschichte gegangen wurde. Der Komponist hat später die schaffenspsychologischen Fragen bei der Entstehung von "Golgotha" kommentiert. Angeregt durch Rembrandts Radierung "Die drei Kreuze" gelangte Martin zur Überzeugung, dass "jede Zeit das Recht" habe, "die grossen Themen, die uns geistig genährt haben, darzustellen" und dass "eine Schau des Leidens und des Sieges Christi über den Tod ihnen eine direkte Gegenwärtigkeit geben konnte". Die meditative Schau also sollte im Zentrum stehen. Martin erweiterte die Passionsberichte der Evangelien durch betrachtende Texte von Augustinus, die die Passionsgeschichte einrahmen, zugleich eliminierte er die Turbachöre der Jünger und Juden weitgehend.
Klippen der Artikulation
Die erzählenden Passagen werden unterschiedlich von Solostimmen oder chorisch vorgetragen, klanglich besonders exponiert in tiefer Lage im Bericht von Jesus am Kreuz. Martins sprachgezeugte Artikulation verlangt ein hohes Mass an Balance zwischen präziser Textvermittlung und klanglicher Dichte, zwischen verhaltenem Wortausdruck und scharfer Akzentuierung.Hier war der Berner Bach-Chor in besonderem Masse gefordert. Insbesondere die hymnischen und dramatischen Passagen gerieten zu kompaktem Klang und eindringlichem Ausdruck. In Augustinus' Lobpreisung der Auferstehung am Ende des Werkes kam die jahrelange Arbeit des musikalischen Leiters Theo Loosli sowohl mit dem Chor wie mit dem Orchestre Symphonique Neuchâtelois eindrucksvoll zum Tragen.
Herausragend: Huttenlocher
Von den Solisten sind durchwegs bemerkenswerte Leistungen zu vermelden, in schönem Kontrast die überaus hellen Sopran- und Tenorstimmen (Bénédicte Tauran und Jan-Martin Mächler) mit den dunklen, vor allem wiederum in der Artikulation geforderten Alt- und Baritonlagen (Mojca Vedernjak und Claude Darbellay). Mit biblischen Einzelreden tritt aber vor allem Jesus in Erscheinung. Ihm verlieh ein herausragender, die Partie besonders nachhaltig empfindender Philippe Huttenlocher bewegende Tiefe. Die differenzierte theologische Auslegung des Wortes im Disput im Tempel, zugleich das umfangreichste Solo des Werkes, scheint dem Schweizer Bassisten in die Stimme geschrieben. Der Bach-Chor hat ein bemerkenswertes Werk der jüngeren Oratoriumsgeschichte in einer beachtlichen Qualität interpretiert.
23.03.2004 - Der Bund, hr


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