Kontrastreiches Konzertprogramm
Der Berner Bach-Chor überzeugte unter der Leitung von Theo Loosli
Die facettenreiche und spannende Aufführung zweier Werke von François Patillon und Wolfgang Amadeus Mozart im Kultur-Casino wurde mit überschwänglichem Applaus belohnt.
Fertig geschrieben hat Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791) die C-moll-Messe, KV 427 nie. Trotzdem entspricht das 1783 uraufgeführte Werk eher seinem Übernamen «Grosse Messe» als der Bezeichnung «unvollendet». Denn meisterlich spannte Mozart vom klangvollen, dramatischen Beginn über die farbenreichen Interaktionen von Chor, Orchester und Sologesang bis zur finalen Steigerung über «Osanna in excelsis» einen weiten musikalischen Bogen. Diese kompositorische Leistung setzte der Berner Bach-Chor kompetent, singfreudig und dynamisch-variantenreich um. So überzeugten die Sängerinnen und Sänger einerseits in kräftig auftrumpfenden Passagen, etwa zu Beginn des jubilierenden «Gloria» oder im optimistischen «Credo».
Gefühlvolle Darbietung
Andererseits dürfte auch das wiederholt leise gesungene, flehentlich bittende «Miserere nobis» beim einen oder anderen Zuhörer für Gänsehaut gesorgt haben. Auch sonst zeigte sich der Chor flexibel und folgte dem umsichtig und exakt dirigierenden Theo Loosli durch abwechslungsreiche Stimmungen und Tempi. Lediglich einige rasche Stellen gerieten nicht ganz präzise. Dies war auch beim Orchestre Symphonique Neuchâtelois zu beobachten, als im «Benedictus» die tiefen Streicher eine Spur zu langsam spielten. Abgesehen davon jedoch beeindruckte das facettenreiche und ausgewogene Zusammenspiel mit dem Chor, welches derart überzeugend wirkte, dass man am Schluss das fehlende «Agnus Dei» keineswegs vermisste – ausser, weil man der gefühlvollen Darbietung gerne noch länger zugehört hätte.
Die Solostimmen passten ebenfalls hervorragend ins Klanggeschehen, insbesondere jene der beiden Sopranistinnen Andrea Lang und Mojca Vedernjak. Auch wenn einige ihrer tieferen Töne kaum zur Geltung kamen, gelangen den Sängerinnen ein heiteres, lebendiges «Laudamus te» sowie zwei berührend warme Soli über «Christe eleison» und das tröstliche «Et incarnatus est». Auch im Duett und zu dritt mit Matthias Aeberhards vollem Tenor harmonierten die beiden Vokalistinnen bestens.
Virtuose Interpretation
Im ersten Teil des Konzertes kam François Patillons (*1928) Violinkonzert «La clairière» zur Aufführung, ein äusserst ideenreiches Werk: Das Orchester klang einmal hart und perkussiv, einmal getragen und romantisch, die Harmonien reichten von polytonalen Klangschichten bis zu klassisch anmutenden Akkorden. Melodisch entwickelte sich das Stück weitgehend atonal und dennoch eingängig, die Bläserregister bestachen durch einen grossen Ambitus, und die Schlagzeuger setzten gekonnt rhythmische Akzente. Dieser Vielseitigkeit wurde vor allem auch der Solist Alexandre Dubach gerecht. Der Thuner Geiger spielte mit sattem Klang in allen Tonlagen, die er voll ausloten konnte. Seine sichere Intonation liess sich weder durch extreme Höhen, Doppelgriffe oder waghalsige Tonsprünge noch durch atemberaubend schnelle Läufe trüben. Monieren könnte man höchstens ein Übermass an Portamenti und Vibrato im langsamen Mittelteil. Beides passte allerdings zum romantischen Orchesterklang und tat dem positiven Eindruck, den Dubachs virtuose und musikalische Interpretation hinterliess, keinen Abbruch.
Sowohl nach dem Violinkonzert, als der Komponist selber die Bühne betrat, wie auch am Ende des Nachmittags erfüllte überschwänglicher Applaus den gut besetzten Saal und verdankte allen Mitwirkenden ihr spannendes und kontrastreiches Konzertprogramm.
27.12.2008 - Der Bund, Stefan Bucher
Worte, die brennen wie Fackeln [nach oben]
Jubiläumskonzert des Berner Bach-Chors im Kultur-Casino Bern
Theo Loosli, Mitbegründer, Leiter und Spiritus Rector des Berner Bach-Chors, brachte Felix Mendelssohns «Elias» zur Aufführung. Ein Ereignis wie damals vor vierzig Jahren,
als Loosli den herausragenden Chor aus der Taufe hob.
Vierzig Jahre gemeinsame Chortätigkeit gilt es zu feiern. Eine Zeitspanne, die wohl die wenigsten, die im Jubiläumskonzert mit dabei sind, miterlebt haben: Der Chor präsentiert sich dynamisch, flexibel und intonationssicher. Theo Looslis Leidenschaft und Neugier für die Botschaften der Musik scheinen sich in den rund 100 Sängerinnen und Sängern vervielfacht zu haben. Looslis Motto, stets «alles zu tun, um zu werden, was man ist», bedeutet ihm Ansporn, sich weiterzuentwickeln, sei es als Dirigent, als Pädagoge oder Mensch.
Inhaltliche Klammer
Dass der Berner Bach-Chor auf Höhepunkten nie stehen geblieben ist – und er konnte einige verbuchen – hat sich ausgezahlt. Bis heute bereichert der Chor, den Loosli mit seinem Bruder, dem Konzertsänger Arthur Loosli, 1967 gründete, mit seinen Deutungen nicht nur das nationale, sondern auch das internationale Musikleben. Und die Liste der Werke, die er einstudiert hat, ist lang und gewichtig. Dass zum Jubiläumskonzert das grosse Oratorium auf dem Programm steht wie damals, als alles anfing, bildet eine stimmige Klammer.
Weder der Dirigent noch sein Instrument, der Chor, zeigen sich müde. Zügig sind die Tempi, die dynamischen Steigerungen münden in Klangbilder von gewaltiger Sprengkraft: Begleitet von Bläsern, Orgel (Philippe Laubscher) und Orchester verkündet der Chor die Worte des Elias als brennende Fackeln. Wie Loosli im Gegenzug mit Generalpausen arbeitet, Zäsuren setzt, oder zum Schluss die Auffahrt des feurigen Elias in aufsteigenden Terzen initiiert, ist atemraubend.
Felix Mendelssohns «Elias» wird zum unmittelbaren Ereignis. Flexibel begleitet das Philharmonische Kammerorchester Dresden, die Zusammenarbeit ist die Folge eines Kulturaustauschs Schweiz-Dresden. Der Chor und die geschickt aufeinander abgestimmten Solisten ziehen alle Register ihres gestalterischen Könnens. Und scheinbar wie von selbst entfaltet sich in dem zweieinhalbstündigen Spannungsbogen die suggestive Kraft des alttestamentlichen Spätwerks Mendelssohns.
Schauerlicher Unterton
Mit sonorem Bass zeichnet Rudolf Rosen den Propheten Elias. Bewusst betont er mehr die erhabene denn die fanatisch-besessene Seite des Wundertäters, dessen Prophezeiungen mit verminderten Quintintervallen einen schauerlichen Unterton erhalten. Wenn er den Elias als Kämpfer über den Baal-Götzenkult des gottlosen Königs Ahab und seiner Frau Isebel triumphieren lässt, grundiert er seine Interpretation gar mit leisem Spott («Rufet lauter!»). Das vielfältige vokale Ausdrucksspektrum reicht vom abgehackten Sprech- zum magischen Flüsterton («Der du deine Diener machst zu Geistern und deine Engel zu Feuerflammen»). Neben dem Knabensopran, der den mystischen Blick in den offenen Himmel wagt, gelingen die A-Cappella-Gesänge der Sopranistin Judith Graf (Witwe, Engel), der Altistin Helene Ranada (Engel, Königin) und des Tenors Bernhard Gärtner (Obadiah, Ahab), die das intensive Schlussquartett zum Strahlen bringen. Ein Jubiläumskonzert, das über sich hinausweist: Die Konzertplanung des Berner Bach-Chors soll bereits bis 2010 gemacht sein.
29.11.2007 - Der Bund, Marianne Mühlemann
Biblische Action [nach oben]
Exzellente Choristen und ein biedermeierlicher Prophet: Der Bach-Chor liess in Mendelssohns «Elias» das göttliche Feuer regnen.
Fressende Flammen, zerbrochene Felsen und ein Held, der mit «feurigen Rossen» in den Himmel reitet: So viel Action hat nur die Bibel zu bieten. Das wusste auch Felix Mendelssohn Bartholdy, als er den Propheten Elias zum Protagonisten seines zweiten Oratoriums kürte. Elias, der mit grimmigem Furor gegen die Vielgötterei ankämpft, vom eigenen Volk verraten wird, um schliesslich als Eremit in der Wüste die göttliche Offenbarung zu erleben. Mendelssohns Oratorium «nach Worten des Alten Testaments» zieht alle Register des Dramatischen, spart aber auch nicht mit leisen, besinnlichen Tönen. Ein dankbares Werk für einen Chor, der sich selber feiern darf: Zu seinem 40. Jubiläum präsentierte der Berner Bach-Chor das süffige Klangtheater am Sonntag zusammen mit dem Philharmonischen Kammerorchester Dresden.
Plädoyer für Aberglauben
Der Chor unter der Leitung von Theo Loosli hinterliess insgesamt einen bestechenden Eindruck. Technisch makellos und mit subtiler Dynamik bestritt der Klangkörper seine doppelte Rolle als kommentierende und agierende Instanz. Allerdings schienen die Sängerinnen und Sänger erst allmählich auf Touren zu kommen. Von einem zornigen Volk, das den göttlichen Fluch beklagt, war wenig zu spüren. Zu bedächtig erschien das Tempo, das Loosli in den ersten Sätzen anschlug. Etwas irritierend wirkte auch die Interpretation der Feuerprobe: Statt das hohle Pathos der «Propheten Baals» herauszustellen, schien der Chor ein beherztes Plädoyer für den Aberglauben zu halten.
Zu wenig böser Bass
Dass die Spannung immer wieder abfiel, lag weniger an den Choristen als am Bassisten Rudolf Rosen. «Stark eifrig, auch wohl bös und zornig und finster» – so stellte sich Mendelssohn den Propheten vor. Eine Vorgabe, der Rosen nur bedingt entsprechen konnte: Zu zögerlich erschien sein Auftritt im ersten Teil, zu wenig klangvoll seine Stimme, um gegen den Chor und das Orchester zu bestehen. Umso überzeugender präsentierten sich die übrigen Solisten, allen voran Judith Graf mit ihrem strahlenden Sopran. Doch auch Bernhard Gärtner (Tenor) und Helene Ranada (Alt) liessen interpretatorisch wenig zu wünschen übrig. Einen zwiespältigen Eindruck hinterliess das Philharmonische Kammerorchester Dresden. So überzeugend das Ensemble den geschmeidigen Ton Mendelssohns herausstellte: Gerade in den dramatischen Szenen vermisste man die klaren Konturen und die klangliche Schärfe, vor allem in den Bläsern. Der schaurige Akkord, mit dem Mendelssohn den göttlichen Feuerregen einsetzen lässt, ist von den Musikern schlicht verschlafen worden.
27.11.2007 - Berner Zeitung BZ, Oliver Meier


%)
%)
%)