Berner Bach-Chor pickt Rosinen
In Begleitung des Capriccio Basel lud der Berner Bach-Chor zu einem Weihnachtskonzert mit Highlights der Barockmusik.
Das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach, BWV 248, erfreut sich ungebrochener Beliebtheit. Diesen Schluss legt die dichte Aufführungsfrequenz nahe. Warum aber entschied man sich beim Berner Bach-Chor, im Kultur-Casino nur die Hälfte davon aufzuführen und diese mit Highlights aus zwei Bach-Kantaten und einer Suite aus Rameaus «Les indes galantes» zu gänzen? Zwar lag es zu keiner Zeit in Bachs Intention, das Weihnachtsoratorium als Ganzes aufzuführen; dennoch gibt es einen inneren Zusammenhang des aus sechs Teilen bestehenden Werkes.
Es ist überliefert, dass Bach, der für die Kirchenmusik sowohl in der Thomas- als auch in der Nikolaikirche verantwortlich war, grossen Wert darauf legte, dass das Weihnachtsoratorium vor dem Gottesdienstpublikum beider Kirchen zu erklingen habe. Umgekehrt ergibt sich daraus, dass das Publikum Anspruch darauf erheben darf, das ganze Werk zu hören. Eigentlich schade, dass sich die Veranstalter trotz der Werklänge von knapp drei Stunden nicht dazu durchringen konnten.
Sehr deutlich im Text
Mochte der Chor in den Auszügen der ersten beiden Kantaten noch etwas gehetzt klingen, so muss doch die einzigartige Wortdeutlichkeit des über 90-köpfigen Ensembles löblich vermerkt werden. Dies fiel auch im Weihnachtsoratorium auf, wo es allerdings streckenweise an Legatobögen mangelte. Als Folge litt die musikalische Eleganz, und so kam die eigentlich zarte Pastoralsinfonie etwas sehr rustikal daher.
Nachhaltig hingegen berührte das Solistenquartett: Rebecca Ockenden verzauberte mit jugendlich-frischem Sopran, Veronica Amarres entpuppte sich
mit schöner, voller Altstimme als ausdrucksstarke Gestalterin, Alexander Yudenkov als höhen sicherer Evangelist, und Stefan Vock überzeugte als technisch versierter Bariton, allerdings in einer Bassrolle. Theo Looslis Assistent Beat Wälti übernahm kurzfristig das Dirigat für seinen verletzten Chef und zeigte sich grösstenteils souverän. Einzig die Einbettung der Solisten in den Orchesterklang gelang nicht durchwegs. So war beispielsweise der Säugling Jesus, der in den Schlaf gesungen werden sollte, nicht zu beneiden, wenn das Orchester seine Wiegenklänge in
veritablem Forte von sich gab . . . («Schlafe, mein Liebster, geniesse der Ruh’ . . . »)
Basler Barockspezialisten
Mit der Suite aus «Les indes galantes» von Jean-Philippe Rameau stellte sich das Barockorchester Capriccio Basel dem Berner Publikum als kompetenter Interpret barocker Instrumentalmusik vor. Unter der Leitung seines Konzertmeisters Dominik Kiefer begeisterte vor allem der Ohrwurm «Danse des Sauvages». Wie beim Weihnachtsoratorium lohnte es sich auch hier durchaus, einmal das ganze Werk dieses speziellen Genres der Ballett-Opéra aufzu führen.
23.12.2008 - Berner Zeitung BZ, Herta Stalder
Chorale Kunst als Klangereignis [nach oben]
Berner Bach-Chor Sein sängerisches Niveau ist beachtlich. Kein Wunder, dass sich die Klassikfreunde in Scharen aufmachen, die Konzerte des Berner Bach-Chors mitzuerleben: Zusammen mit dem Barockorchester Capriccio Basel (Konzertmeister Dominik Kiefer) und Solisten lud der Bach-Chor ins Kultur-Casino zur Aufführung von Bachs Weihnachtsoratorium.
Es ist nicht das erste Mal, dass der Bach-Chor sich den grandiosen Zyklus vornimmt, in dem Bach im Parodieverfahren Arien und Chöre aus früheren weltlichen Werken wiederverwendet. Doch anders als etwa in den Jahren 2000 und 2005 führt der Berner Bach-Chor diesmal die sechs Kantaten nicht integral auf. Er konzentriert sich auf die ersten drei, in denen nach dem Evangelium des Lukas die Zeit vor Jesu Geburt, die Nachricht der Geburt an die Hirten und die Weihnachtsnacht in Bethlehem erzählt wird. Dafür bereichert das Capriccio Basel den Abend mit der instrumentalen Suite «Les Indes Galantes» von Jean-Phi! lippe Rameau, einer farbigen Reminiszenz an die französische Oper.
Erweitertes Programm
Mit scharfer Rhythmik, kernigem Klang (Streicher) und zündendem Feuer (Chaconne) belebt das hier im Stehen spielende Barockorchester die vier Konzertsätze, in denen Rameau Liebesgeschichten verarbeitet, die im Osmanischen Reich, in Peru, Persien und Nordamerika angesiedelt sind. Zwei Chöre und eine Sopranarie (innig: Rebecca Ockenden) aus den Kantaten 63 und 72 knüpfen thematisch an die Weihnachtsgeschichte an. Eine dramaturgisch geschickte Überleitung zum gewichtigen Herzstück des Abends.
Mit hoher Leuchtkraft ballen sich im Weihnachtsoratorium die 120 Stimmen des Bach-Chors zum intensiven Klangereignis. Bewegt wird der Aufbruch der Hirten nachvollzogen, der in fugierten Passagen bildhaft eingefangen ist. Der hervorragend ausbalancierte Chor gestaltet dynamisch flexibel und eindringlich. So sehr, dass man seiner Aufforderung nachkommen und zur Krippe eilen ! möchte, um Zeuge zu werden von diesem Jauchzen und Frohlocken! , das se it 2000 Jahren in aller Welt besungen wird. Schade, dass das Ambiente im Kultur-Casino nicht etwas festlicher ist. Ein Weihnachtskonzert ganz ohne Lichter, ohne Blumenschmuck – eine doch etwas nüchterne Angelegenheit.
Statt Loosli dirigiert Wälti
Einer fehlt. Wegen einer Handverletzung dirigiert nicht Theo Loosli, der Gründer und künstlerische Leiter des Bach-Chors, sondern Beat Wälti, sein Assistent. Als aufmerksamer Vermittler zwischen Chor, Orchester und Solisten löst er seine Aufgabe mit Bravour. Dennoch: In den Arien dürfte sich das Orchester (Blech) mehr zurücknehmen; die Textverständlichkeit ist nicht immer gewährleistet. Mit flexiblem Sopran begeistert Rebecca Ockenden, die Altistin Veronica Amarres gibt ihrem dunklen Timbre in langen Spannungsbögen Gewicht, Alexander Yudenkov, Tenor, bewegt als Evangelist, Stefan Vock, Bass, überzeugt durch Ruhe und expressive Ausdruckskraft. (mks)
23.12.2008 - Der Bund, Marianne Mühlemann
Theo Loosli und der Berner Bach-Chor in seinem Element [nach oben]
Theo Loosli und sein Berner Bach-Chor erweisen ihrem Namensgeber mit der h-Moll-Messe alle Ehre. Mit der Russischen Kammerphilharmonie St. Petersburg und vier Solisten bringen sie die Französische Kirche zum Klingen.
Auf nicht mehr ganz so sicheren Beinen beschreitet der Dirigent und Leiter des Abends, Theo Loosli, den Korridor zur aufgebauten Bühne. Alle Gebrechlichkeit scheint verflogen, als der Gründer des Chores durch ein feines, bestimmtes Handzeichen das musikalische Gespann aus Chor und Orchester zum Kyrie in Fahrt versetzt. Immer besser gelingt dem eingespielten Team, Chor und Dirigent, die Verschmelzung mit dem in Bern gastierenden Orchester, welches rhythmisch höchst anspruchsvolle Passagen mit Leichtigkeit in Angriff nimmt.
Mystische Klänge
Kontrastierend zu den vollen Chorklängen erzeugen mystische Flöten- und Oboensoli eine wohlige Wärme. Bei diesen Klängen scheinen die stilvoll geschwungenen Ornamente an den Seitenwänden der Französischen Kirche wie vor einem magischen Auge zu verschwimmen. Auch die vier Solisten Amarilis Bilbeny, Veronica Amarres, Jan-Martin Mächler und Markus Volpert bestreiten ihre Parts einwandfrei. Dass sie neben dem so stark wirkenden Chor etwas wenig zur Geltung kommen, mag vor allem an der Anlage des grossen Werkes von Bach liegen.
Ein Meilenstein gesetzt
Der h-Moll-Messe, einer der bedeutendsten Kompositionen von Johann Sebastian Bach, liegt eine besondere Entstehungsgeschichte zu Grunde. 1733 entstanden das «Kyrie» und das «Gloria», welche fortan im lutherischen wie im katholischen Gottesdienst Verwendung fanden. Zur Vollendung der konzertanten Fassung fügte Bach seiner Messe erst 1748 das «Credo», «Sanctus» und das «Agnus Dei» an, womit er einen Meilenstein in der Musikgeschichte zu setzen vermochte. Mit dem «Dona Nobis Pacem», dem Wunsch nach ewigem Frieden, endet der Spannungsbogen der grossen Messe und hinterlässt seinen Nachklang in den Gedanken des Publikums. Dem soliden Handwerk und Engagement des Chores entspricht der warme Dank der Zuhörerschaft.
19.09.2008 - Berner Zeitung BZ, Mirjam Bührer
Deutung auf hohem Niveau [nach oben]
Berner Bach-Chor 1748, zwei Jahre vor seinem Tod, setzte Johann Sebastian Bach das Schlusssignum unter den letzten Satz seiner h-Moll-Messe. «Soli Deo Gloria», Ruhm dem einzigen Gott. Dass sich die grossformatige Messe von knapp zweieinhalb Stunden Dauer für ihre eigentliche Bestimmung, die liturgische Aufführung, gar nicht eignete, störte ihn nicht. Er hatte ein Werk geschaffen, das über sich hinaus wies und den Rahmen barocker Gebrauchsmusik sprengte. Nur etwa ein Viertel der insgesamt 24 Sätze (15 Chorsätze und neun Solostücke) sind explizit für die Messe entstanden. Die anderen sind älteren Datums. Bach hat sie in einem visionären schöpferischen Akt bearbeitet, zerlegt, mit anderem Text unterlegt und zu einem neuen grandiosen Ganzen gefügt. Bereits zum siebenten Mal seit 1975 hat der Berner Bach-Chor sich den Anforderungen des musikalisch höchst anspruchsvollen Werks gestellt. Und einmal mehr ist ihm eine eindringliche Deutung auf hohem Niveau gelungen.
Trotz der schwierigen Akustik in der Französischen Kirche, die sich (im ersten der zwei Aufführungsabende) in der polyfonen fünfstimmigen Fuge (Kyrie) erschwerend auf die Wortdeutlichkeit und die Koordination mit dem Orchester auswirkte, gelangten in der Folge Klangbilder von inniger berückender Schönheit. Ergreifend und von stiller Klage erfüllt war das D-Dur-Duett «Christe eleison» mit Amarilis Bilbeny, Sopran, und Veronica Amarres, Mezzo, die im «Agnus Dei»-Gebet einen sinnfälligen Spannungsbogen zum «Miserere» des Messeanfangs schlug.
Durch kammermusikalische Schlichtheit und Transparenz überzeugte das Zwiegespräch zwischen Flöte und Tenor (Jan-Martin Mächler), durch kraftvolle Feierlichkeit die von Horn und Fagott begleitete Bass-Arie «Qui sedes» (Markus Volpert). Das Publikum reagierte ergriffen auf die Aufführung. Die junge Russische Kammerphilharmonie St. Petersburg (Konzertmeister Michael Makarow), die der musikalische Leiter Theo Loosli beigezogen hatte, erwies sich als Glücksfall. Das dynamische Ensemble ging auf Looslis organische, grossflächig bewegte Interpretation ein und bewährte sich nicht nur in den Soli, sondern auch in den glanzvollen Tuttistellen mit dem sorgfältig vorbereiteten Chor, der sich im zweiten Teil des gutbesuchen Konzerts zusehends steigerte und im «Cucifixus» und dem «Resurrexit» mit dem stufenlosen Diminuendo zu geradezu prophetischen Gestaltungsgrösse fand.
19.09.2008 - Der Bund, Marianne Mühlemann
Klangsuche als Lebensgefühl [nach oben]
Der Berner Bach-Chor und die Sinfonietta Bern jubilieren mit Georg Friedrich Händels Oratorium «Messias»
Seit mehr als vierzig Jahren prägen der Berner Bach-Chor und sein Leiter Theo Loosli mit Können und Kontinuität das hiesige Musikleben. Ein sicherer Wert, wie das jüngste Konzert im Kultur-Casino zeigte.
Es gibt verschiedene Zugänge zu einem musikalischen Meisterwerk. Entweder man sucht die Auseinandersetzung mit ihm, forscht nach neuen Lesarten und präsentiert eine neue Sichtweise. Oder man behandelt die Komposition wie ein lieb gewordenes Familienmitglied, das man nach einer gewissen Zeit der Distanz wieder trifft in der Hoffnung, es habe sich nicht verändert sei dem letzten Mal.
Die erste Variante dürfte für den Berner Bach-Chor schwerlich praktikabel sein. Man kennt sich gegenseitig zu gut: In seiner rund vierzigjährigen Wirkungszeit hat der Chor Händels Oratorium «Messias» nicht weniger als zehnmal aufgeführt, zuletzt im Jahr 2003. Die aktuelle Aufführung im Grossen Saal des Berner Kultur-Casinos, die der Berner Bach-Chor gemeinsam mit der zuverlässigen Sinfonietta Bern bestritt, war indes ganz der Traditionspflege gewidmet, wobei es doch auch eine etwas skurrile Überraschung gab. Nach der in getragenem Tempo gespielten Ouvertüre hob der britische Tenor James Eliott zum ersten Rezitativ an – auf Deutsch! Wobei betont werden muss, dass der Sänger, obwohl englischer Muttersprache, nicht nur in interpretatorischer, sondern auch in deklamatorischer Hinsicht keinerlei Wünsche offen liess. Vielmehr überzeugte er mit dosiertem Vibrato und schlanker Stimmführung – Tugenden, die eher der historisch-kritischen Barockinterpretation entstammen.
Familiäres Konzept
Auch insofern überraschte Theo Looslis «familiäres» Interpretationskonzept. Während Chor und Orchester unter seiner Leitung breite Tempi und einen satten sinnlichen Klang pflegten, zeigte der Dirigent in den Arien einen auffallenden Sinn für Stilpluralismus, was von Gelassenheit und Überlegenheit zeugt. Insofern durfte es auch mal anders sein. Die weiteren Vokalsolisten nutzten die Freiräume auf unterschiedliche Weise: Der Bassist Robin Adams gestaltete seinen Part sehr gestisch, verwischte die Konturen aber wiederholt durch heftiges Tremolo. Die Altistin Simone Schröder entsprach mit vollem Vibrato und Legatogesang am ehesten der dominierenden Sichtweise von Chor und Orchester. Allerdings zeigten sich hier auch die Grenzen dieser Auffassung: Zu starkes Auskosten von Kantilenen kann die Dramaturgie gefährden.
Die Sopranistin Anne-Florence Marbot wählte einen klugen Mittelweg. Sie schaffte Räume für betörende Klangentwicklungen, setzte aber auch klare strukturierende Akzente. Letztere Leistung ist umso höher zu werten, als die Sängerin erst nach rund vierzig Minuten ihren ersten Einsatz hatte!
Opulenter Chorklang
Ein Stück weit folgten Loosli und das Orchester den Vokalsolisten bei der Begleitung der Arien, zu eigen machten sie sich diese Auffassungen aber nicht. Dies zeigte sich auch bei der Tempowahl. Wiederholt hatte man den Eindruck, dass sich Sängerinnen und Sänger mehr Fluss gewünscht hätten. Die Hauptlinie der Interpretation, der Chor und Orchester verpflichtet waren, setzte den Akzent ganz beim Klang. Das berückende Legato und die opulenten Farben kamen in den getragenen, sich manchmal an der Grenze zum Klebrigen bewegenden Teilen am besten zum Tragen.
Diesen schweren, verbindlichen Chorklang scheinen Loosli und seine Getreuen in fast allen Interpretationen zu suchen. Er ist eine Art Lebens- und Musiziergefühl, das man auch bei der zehnten Beschäftigung mit einem Werk wieder suchen und finden kann. Über das Resultat kann man streiten, ein unverkennbares künstlerisches Profil, das die Berner Musikszene bereichert, ist es aber allemal.
11.03.2008 - Der Bund, Patrick Fischer


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